Wenn Tiere leiden, ohne zu klagen

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Wenn Vierbeiner leiden, ohne dass wir es merken

Stell dir vor, du hast seit Tagen fiese Rückenschmerzen – und die einzige Möglichkeit, das mitzuteilen, wäre, ein bisschen weniger zu springen und dich hin und wieder in eine Ecke zu verziehen. Kein Jammern, kein “Autsch”, keine Krankschreibung. Genau in dieser Lage stecken unsere Haustiere jeden Tag. Sie können uns nicht sagen, wo es zwickt – und viele von ihnen wollen es uns nicht einmal zeigen. Klingt paradox, ist aber knallharte Evolution.

Warum Tiere so hervorragende Schauspieler sind

In freier Wildbahn ist Schmerz ein Verkaufsargument – für Raubtiere. Wer humpelt, schreit oder sich sichtbar quält, wird zum leichten Ziel. Also haben Tiere über Jahrtausende gelernt, genau das Gegenteil zu tun: Zähne zusammenbeißen und weitermachen, als wäre nichts. Das Verstecken von Schmerzen ist ein nützliches evolutionäres Merkmal, das Tiere im Laufe der Zeit entwickelt haben, weil es die Chancen erhöht, nicht von Raubtieren erwischt zu werden. Unsere Wohnzimmer-Tiger und Sofa-Wölfe haben dieses Programm einfach nicht deinstalliert, nur weil bei ihnen der größte Feind heute der Staubsauger ist.

Das Tückische dabei: Während Tiere akute Schmerzen noch recht deutlich durch Lautäußerungen zeigen können, drücken sie chronische, schleichende Schmerzen meist nur sehr subtil aus – vor allem über Verhaltensänderungen. Genau die Art von Schmerz also, die uns am meisten Sorgen machen sollte, ist die am schwersten zu erkennende.

Der Hund: Meister der Tapferkeit

Hunde gelten gemeinhin als die “ehrlicheren” Patienten unter den Haustieren – trotzdem sind auch sie keine offenen Bücher. Die häufigste Schmerzquelle ist bei ihnen der Bewegungsapparat: Rücken, Gelenke, Hüfte. Achte auf ein unrundes Gangbild, ein “Watscheln”, einen gekrümmten Rücken oder darauf, ob dein Hund beim Spazierengehen plötzlich trödelt und auffällig viel schnüffelt – das ist oft nur eine Ausrede für eine Verschnaufpause.

Auch das Gesicht verrät einiges, wenn man weiß, worauf man achten muss: eine angespannte Stirn, halb geschlossene oder auffällig geweitete Augen, nach hinten gelegte Ohren. Ein Tipp aus der Praxis: Mach in entspannten Momenten ein paar Fotos deines Hundes. So fällt dir eine veränderte Mimik viel schneller auf, wenn doch mal etwas nicht stimmt.

Wusstest du? Übermäßiges Lecken einer bestimmten Körperstelle ist bei Hunden keine Macke, sondern oft ein Selbstheilungsversuch – sie behandeln damit unbewusst genau die Stelle, die schmerzt.

Die Katze: Königin der Verdrängung

Wenn es eine Goldmedaille im Schmerzverstecken gäbe, die Katze hätte sie längst im Trockenen. Als Beutetier und Raubtier zugleich kann sie es sich doppelt wenig leisten, Schwäche zu zeigen. Typische Anzeichen sind ein hochgezogener Rücken, plötzlicher Rückzug, veränderte Sprungfreude oder Schwierigkeiten, den Lieblingsplatz zu erreichen. Auch die Fellpflege ist ein guter Gradmesser: Putzt sich deine Katze plötzlich viel weniger, wirkt das Fell struppig oder verfilzt – das kann ein stilles Alarmsignal sein. Genauso gut kann aber auch übertriebenes Putzen einer Stelle auf Schmerz hindeuten.

Und: Ein aggressives oder ungewöhnlich schreckhaftes Verhalten bei einer sonst entspannten Katze ist keine “Charakterveränderung”, sondern häufig ein Hinweis auf Schmerz, nicht auf schlechte Laune.

Das Pferd: Schmerz ohne Stimme

Pferde haben es in gewisser Weise am schwersten – sie besitzen schlicht keinen Schmerzlaut. Als klassisches Fluchttier bleibt ihnen nur eine Strategie: durchhalten und weiterlaufen, solange es irgendwie geht. Umso wichtiger ist der Blick aufs Gesicht.

Wissenschaftler haben dafür extra ein Bewertungssystem entwickelt, die sogenannte Horse Grimace Scale. Das Schmerzgesicht eines Pferdes zeigt sich durch steif rückwärts gerichtete Ohren, Muskelanspannung oberhalb der Augen, ein graduelles Schließen der Augen und eine angespannte, hervortretende Kaumuskulatur. Ursprünglich wurde die Skala bei frisch kastrierten Hengsten entwickelt, um deren postoperativen Schmerz über die Mimik einzuordnen – heute hilft sie auch ambitionierten Pferdehaltern, feine Signale nicht mehr zu übersehen.

Wusstest du? Schon Charles Darwin vermutete 1872, dass Tiere ähnliche Gesichtsausdrücke wie Menschen zeigen, wenn sie leiden. Es hat danach über 140 Jahre gedauert, bis daraus tatsächlich eine wissenschaftlich anerkannte Methode wurde.

Was du daraus mitnehmen kannst

Der rote Faden bei allen drei Tierarten: Es sind nie die großen, dramatischen Zeichen, auf die du warten solltest. Es sind die kleinen – ein bisschen weniger Sprungfreude, ein bisschen mehr Rückzug, ein Blick, der plötzlich “anders” wirkt. Wer sein Tier gut kennt, merkt solche Nuancen oft lange bevor ein Tierarzt sie sieht. Und genau das ist die eigentliche Superkraft, die wir als Tierhalter haben: Zeit, Aufmerksamkeit – und die Bereitschaft, genau hinzuschauen, auch wenn unser Vierbeiner uns noch so überzeugend vorspielt, dass alles in Ordnung ist.

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Quellen & weiterführende Studien

  1. VIER PFOTEN – Stiftung für Tierschutz: Anzeichen von Schmerzen bei Tieren erkennen
    https://www.vier-pfoten.de/kampagnen-themen/themen/haustiere/schmerzen-bei-haustieren/anzeichen-von-schmerzen-bei-tieren-erkennen
  2. Vetepedia: Schmerzen erkennen bei Katzen
    https://www.vetepedia.de/gesundheitsthemen/katze/schmerzen-erkennen-katze/
  3. TASSO e.V. / regionalHeute.de: Tiergesundheit: So erkennen Sie Schmerzen bei Hund und Katze
    https://regionalheute.de/tiergesundheit-so-erkennen-sie-schmerzen-bei-hund-und-katze-1771477203/
  4. Tierheilpraxis Lerner: Schmerz-Anzeichen beim Hund erkennen
    https://tierheilpraxis-lerner.de/schmerz-anzeichen-beim-hund-erkennen/
  5. Dalla Costa E, Minero M, Lebelt D, Stucke D, Canali E, Leach MC (2014): Development of the Horse Grimace Scale (HGS) as a Pain Assessment Tool in Horses Undergoing Routine Castration. PLoS ONE 9(3): e92281.
    https://doi.org/10.1371/journal.pone.0092281
  6. CAVALLO: Horse Grimace Scale (HGS): Neue Methode für Schmerzmessung beim Pferd
    https://www.cavallo.de/reitsportszene/horse-grimace-scale-hgs-neue-methode-fuer-schmerzmessung-beim-pferd/
  7. Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt: Pferde mit Schmerzen: So erkennen Pferdehalter Warnzeichen
    https://www.wochenblatt-dlv.de/feld-stall/tierhaltung/pferde-schmerzen-so-erkennen-pferdehalter-warnzeichen-580849

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