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Warum Deine Samtpfote einen ganz eigenen Speiseplan braucht – von Taurin bis Trinkverhalten
Seien wir ehrlich: Auf diesem Blog laufen Katzen oft nur mit. Da steht dann „Hund, Katze, Pferd“, und die Katze wird höflich mitgenannt wie die Cousine, die man zur Familienfeier halt auch einlädt. Das hat sie nicht verdient. Und ganz ehrlich, das würde sie sich auch nicht gefallen lassen, wenn sie davon wüsste.
Deshalb bekommt sie heute ihren eigenen Artikel. Und der beginnt mit einem Satz, den jede Katze sofort unterschreiben würde (wenn sie sich denn für Papierkram interessieren würde): Katzen sind keine kleinen Hunde. Nicht im Verhalten, nicht im Charakter und schon gar nicht im Napf.
Ein Raubtier auf Deinem Sofa

Hunde haben in vielen tausend Jahren an der Seite des Menschen gelernt, so ziemlich alles zu verwerten, was vom Tisch fällt. Ihr Körper hat sich angepasst: Sie können mehr Stärke verdauen, kommen mit gemischter Kost zurecht und sind ernährungstechnisch echte Pragmatiker.
Die Katze hat diesen Weg nie eingeschlagen. Sie ist das, was Fachleute einen strikten Fleischfresser nennen. Ihr Stoffwechsel ist ganz auf eine Beute ausgerichtet: die Maus. Viel Eiweiß, etwas Fett, jede Menge Wasser und kaum Kohlenhydrate. Alles an ihrem Körper ist auf dieses „Komplettmenü auf vier Beinen“ abgestimmt, und genau daraus ergeben sich ihre Besonderheiten.
Man kann es sich so vorstellen: Der Hund ist ein Allradwagen, der auch mal über einen Feldweg holpert. Die Katze ist ein Rennwagen. Mit dem richtigen Treibstoff unschlagbar. Mit dem falschen läuft er erst noch, und irgendwann stottert der Motor.
Taurin: Der kleine Baustein mit der großen Wirkung

Wenn es einen Nährstoff gibt, der die Katzenernährung auf den Punkt bringt, dann ist es Taurin. Taurin ist eine Aminosulfonsäure, ein naher Verwandter der Aminosäuren. Es steckt vor allem in Muskelfleisch, besonders reichlich im Herz. In Pflanzen findet man dagegen kaum oder gar kein Taurin.
Der Mensch und auch der Hund können Taurin in ausreichender Menge selbst herstellen. Die Katze kann das nur in sehr geringem Umfang. Gleichzeitig verbraucht sie es laufend: Sie braucht Taurin, um ihre Gallensäuren zu binden, und verliert es so Tag für Tag über die Verdauung. Ein Konto, auf das ständig abgebucht wird, braucht ständige Einzahlungen. Die kommen bei der Katze nur über die Nahrung.
Und Taurin ist an Stellen beteiligt, an denen es richtig zählt:
- Herz: Taurin hält den Herzmuskel kräftig und leistungsfähig. Fehlt es über längere Zeit, kann sich das Herz krankhaft weiten (dilatative Kardiomyopathie) und verliert an Pumpkraft.
- Augen: Die Netzhaut ist auf Taurin angewiesen. Ein Mangel lässt die Sehzellen nach und nach absterben, bis hin zur Erblindung.
- Fortpflanzung und Wachstum: Kätzinnen mit Taurinmangel haben häufiger Probleme mit Trächtigkeit und Geburt, und die Kitten entwickeln sich schlechter.
- Immunsystem und Nerven: Auch hier mischt Taurin mit, zum Beispiel als Schutz der Zellen vor oxidativem Stress.
Das Tückische: Ein Taurinmangel entwickelt sich leise. Die Katze wirkt monatelang völlig normal, und wenn die ersten Anzeichen sichtbar werden, ist am Auge oft schon etwas verloren gegangen. Die gute Nachricht: Mit dem richtigen Futter ist der Mangel ganz einfach zu verhindern.
Wusstest Du?
Dass Taurin für Katzen lebenswichtig ist, weiß man noch gar nicht so lange. Erst 1987 erkannten US-Forscher, dass viele herzkranke Katzen schlicht zu wenig Taurin im Blut hatten. Nachdem die Futterhersteller nachgebessert hatten, ging diese Herzerkrankung bei Katzen deutlich zurück. Eine einzige Erkenntnis hat damals unzähligen Katzen das Leben gerettet.
Eiweiß: Bei der Katze läuft der Motor immer auf Hochtouren

Auch beim Eiweiß tickt die Katze anders. Sie braucht davon deutlich mehr als ein Hund, und das hat einen einfachen Grund: Die Katze nutzt Eiweiß nicht nur als Baumaterial für Muskeln, Haut, Fell und Organe, sondern auch als Hauptenergiequelle.
Ihre Leber wandelt rund um die Uhr Aminosäuren in Zucker um, damit Gehirn und Organe versorgt sind. Bei uns Menschen und beim Hund fährt der Körper diese Prozesse deutlich herunter, wenn weniger Eiweiß auf dem Teller landet. Die Katze kann das kaum herunterfahren. Die Maschine läuft weiter, ob Nachschub kommt oder nicht. Bekommt die Katze zu wenig Eiweiß, holt sich der Körper das Fehlende aus der eigenen Muskulatur. Sie baut ab, obwohl der Napf vielleicht sogar voll ist.
Wichtig ist dabei nicht nur die Menge, sondern auch die Qualität. Eiweiß aus Fleisch enthält genau die Aminosäuren, die eine Katze braucht. Pflanzliches Eiweiß kann das nicht gleichwertig ersetzen.
Wusstest Du?
Eine besondere Rolle spielt die Aminosäure Arginin. Die Katze braucht sie, um das giftige Ammoniak, das beim Eiweißabbau entsteht, zu entgiften. Selbst herstellen kann sie Arginin kaum. In einem bekannten Versuch aus den 1970er-Jahren zeigten Katzen nach einer einzigen argininfreien Mahlzeit innerhalb weniger Stunden Vergiftungserscheinungen. Zum Glück steckt Arginin in Fleisch reichlich drin. Aber es zeigt eindrucksvoll, wie eng der Katzenkörper auf Fleisch ausgelegt ist.
Was die Katze nicht selbst kann
Der Hund ist ein kleiner Chemiker: Aus vielen Vorstufen baut er sich die Stoffe, die er braucht, einfach selbst zusammen. Die Katze hat sich diese Mühe über die Jahrtausende gespart. Warum auch selbst herstellen, was die Maus schon fertig mitbringt?
Das heißt aber auch: Einiges muss die Katze fix und fertig über die Nahrung bekommen.
- Vitamin A: Hund und Mensch bilden Vitamin A aus Beta-Carotin, zum Beispiel aus Karotten. Die Katze kann das nicht. Sie braucht fertiges Vitamin A aus tierischen Quellen, vor allem aus Leber. Aber Vorsicht, hier gilt: Die Dosis macht’s. Zu viel Leber über lange Zeit führt zu einer Überversorgung, die Knochen und Gelenke schädigt.
- Arachidonsäure: Diese Fettsäure ist wichtig für Haut, Fell, Entzündungsregulation und Fortpflanzung. Der Hund stellt sie aus pflanzlichen Ölen her, die Katze braucht sie aus tierischem Fett.
- Niacin (Vitamin B3): Viele Tiere bauen es aus der Aminosäure Tryptophan auf. Bei der Katze klappt das kaum, sie braucht es direkt aus der Nahrung.
Kohlenhydrate: Nett gemeint, aber nicht nötig
Eine Maus besteht nur zu einem sehr kleinen Teil aus Kohlenhydraten. Entsprechend wenig ist der Katzenkörper darauf eingestellt. Ihre Leber verarbeitet Zucker langsamer, ihr Speichel enthält kein stärkespaltendes Enzym, und auch im Darm geht die Stärkeverdauung eher gemächlich vonstatten.
Viele Fertigfutter, vor allem Trockenfutter, enthalten trotzdem reichlich Getreide, Kartoffeln oder Erbsen. Die Katze kann einen Teil davon zwar verwerten, aber ihr Körper ist dafür nicht gemacht. Ein dauerhaft hoher Kohlenhydratanteil steht im Verdacht, Übergewicht und die Entstehung von Diabetes bei Katzen zu begünstigen.
Wusstest Du?
Katzen schmecken nichts Süßes. Ihnen fehlt ein funktionierender Rezeptor für „süß“, das Gen dafür ist bei ihnen schlicht abgeschaltet. Wenn Deine Katze also am Sahnetörtchen schnuppert, interessiert sie das Fett, nicht der Zucker. Die Natur hat sich gedacht: Wer sowieso nur Fleisch frisst, braucht keinen Sinn für Süßes.
Der Stoffwechsel der Katze
Ein paar Besonderheiten, die Du kennen solltest

Kleine Portionen, viele Mahlzeiten. Eine wild lebende Katze fängt über den Tag verteilt viele Mäuse. Das bedeutet: zahlreiche kleine Mahlzeiten statt einer großen Schüssel am Abend. Ihr Magen und ihr Stoffwechsel sind genau darauf eingerichtet.
Fasten ist für Katzen gefährlich. Was beim Hund mal ein harmloser Fastentag sein kann, wird bei der Katze schnell ernst. Frisst eine Katze einige Tage nicht, mobilisiert ihr Körper Fett in einem Tempo, mit dem die Leber nicht mehr hinterherkommt. Sie verfettet regelrecht (hepatische Lipidose), und das kann lebensbedrohlich werden, besonders bei übergewichtigen Tieren. Deshalb: Eine Katze, die nicht frisst, gehört zeitnah abgeklärt. Und abnehmen sollte sie immer langsam, niemals durch Hungern.
Die Katze und das Wasser. Die Vorfahrin unserer Hauskatze ist die Falbkatze, eine Wüstenbewohnerin. Sie hat gelernt, mit wenig Wasser auszukommen, weil ihre Beute sie damit versorgt hat. Eine Maus besteht zu etwa zwei Dritteln aus Wasser. Das Durstgefühl der Katze ist deshalb bis heute eher schwach ausgeprägt. Bekommt sie nur Trockenfutter, trinkt sie oft nicht genug nach. Der Urin wird sehr konzentriert, und das kann die Bildung von Harnkristallen und Blasenproblemen fördern.
Die eingeschränkte Entgiftung. Und hier kommt ein Punkt, der gerade für Freunde der Naturheilkunde wichtig ist: Der Katzenleber fehlt ein bestimmtes Enzymsystem, mit dem andere Tiere viele Stoffe ausscheiden. Was beim Hund oder beim Menschen problemlos abgebaut wird, kann sich bei der Katze anreichern und giftig wirken. Dazu gehören zum Beispiel Paracetamol und Aspirin, aber auch viele ätherische Öle wie Teebaumöl. Auch manche Floh- und Zeckenmittel für Hunde (mit Permethrin) können für Katzen tödlich sein.
Deshalb unsere ganz ehrliche Bitte: Was dem Hund guttut, ist nicht automatisch gut für die Katze. Prüfe jedes Mittel, jedes Öl und jede Ergänzung, ob es ausdrücklich für Katzen geeignet ist, bevor Du es einsetzt.

Und was heißt das jetzt für Deinen Alltag?
Die gute Nachricht zuerst: Wenn Du die Natur der Katze verstanden hast, ist es gar nicht so kompliziert, sie richtig zu füttern. Hier sind die wichtigsten Punkte im Überblick:
- Fleisch an erster Stelle. Ob Du selbst zubereitest, barfst oder Dosenfutter nutzt: Hochwertiges Muskelfleisch und Innereien gehören an die Spitze. Herz ist ein echter Taurinlieferant.
- Taurin beim Selbstfüttern immer im Blick behalten. Vor allem beim Kochen in Wasser geht viel Taurin verloren, beim Backen oder Anbraten deutlich weniger. Und auch beim Barfen reicht der Gehalt im Fleisch nicht immer zuverlässig aus. Ergänze deshalb gezielt Taurin. Es ist gut verträglich, und ein Zuviel wird über die Nieren ausgeschieden.
- Ausgewogen statt einseitig. Wer selbst füttert, braucht einen durchdachten Plan, damit Kalzium, Jod, Vitamin A, Vitamin E und die richtigen Fettsäuren stimmen. Ein Rationsplan von einer erfahrenen Ernährungsberaterin oder einem Tierheilpraktiker lohnt sich.
- Kein Hundefutter für die Katze. Auch nicht „nur ausnahmsweise“ über längere Zeit. Hundefutter ist nicht auf den Taurin- und Eiweißbedarf von Katzen ausgelegt. Die seltenen Fälle von Taurinmangel, die Tierärzte heute noch sehen, gehen meist genau darauf zurück: auf Hundefutter oder auf vegetarische und vegane Fütterung bei Katzen.
- Feuchtigkeit ins Futter. Nassfutter oder frisch zubereitete Mahlzeiten bringen Wasser automatisch mit. Ein Trinkbrunnen und mehrere Wassernäpfe an verschiedenen Orten (nicht direkt neben dem Futter) animieren zusätzlich zum Trinken. Viele Katzen mögen fließendes Wasser einfach lieber.
- Mehrere kleine Mahlzeiten. Teile die Tagesration auf mehrere Portionen auf. Das kommt dem natürlichen Fressrhythmus der Katze am nächsten.
- Den Darm nicht vergessen. Eine gesunde Darmflora hilft der Katze, die Nährstoffe aus der Nahrung überhaupt richtig aufzunehmen. Gerade nach Futterumstellungen oder Stress kann eine gezielte Darmpflege viel bewirken.
- Vorsicht bei „Hundemitteln“. Ätherische Öle, Schmerzmittel aus der Hausapotheke und Hunde-Parasitenmittel haben bei Katzen nichts zu suchen.
Fazit: Ein Raubtier verdient einen Raubtier-Napf

Unsere Katzen leben auf dem Sofa, schlafen im Wäschekorb und tun so, als würden sie die Welt gnädig an sich vorbeiziehen lassen. Aber in ihrem Inneren steckt immer noch das kleine, hochspezialisierte Raubtier, das sie seit Jahrtausenden sind. Ihr Körper ist auf Fleisch, Taurin, viel Eiweiß und reichlich Wasser eingestellt, und er verzeiht dauerhafte Kompromisse nicht.
Wenn Du das im Hinterkopf behältst, hast Du schon das Wichtigste geschafft. Den Rest erledigt Deine Katze selbst: mit glänzendem Fell, klaren Augen, einem kräftigen Herzen und dem gewohnt skeptischen Blick, wenn Du ihr mal wieder etwas Neues in den Napf legst.
Quellen und Studien
Katze als strikter Fleischfresser – Grundlagen
- Morris JG (2002): Idiosyncratic nutrient requirements of cats appear to be diet-induced evolutionary adaptations. Nutrition Research Reviews 15(1): 153–168. doi: 10.1079/NRR200238
- MacDonald ML, Rogers QR, Morris JG (1984): Nutrition of the domestic cat, a mammalian carnivore. Annual Review of Nutrition 4: 521–562.
- National Research Council (2006): Nutrient Requirements of Dogs and Cats. Washington, DC: National Academies Press.
- Driscoll CA et al. (2007): The Near Eastern origin of cat domestication. Science 317(5837): 519–523.
Taurin
- Pion PD, Kittleson MD, Rogers QR, Morris JG (1987): Myocardial failure in cats associated with low plasma taurine: a reversible cardiomyopathy. Science 237(4816): 764–768. doi: 10.1126/science.3616607
- Hayes KC, Carey RE, Schmidt SY (1975): Retinal degeneration associated with taurine deficiency in the cat. Science 188(4191): 949–951.
- Spitze AR, Wong DL, Rogers QR, Fascetti AJ (2003): Taurine concentrations in animal feed ingredients; cooking influences taurine content. Journal of Animal Physiology and Animal Nutrition 87(7–8): 251–262. doi: 10.1046/j.1439-0396.2003.00434.x
Eiweiß und Arginin
- Green AS, Ramsey JJ, Villaverde C, Asami DK, Wei A, Fascetti AJ (2008): Cats are able to adapt protein oxidation to protein intake provided their requirement for dietary protein is met. Journal of Nutrition 138(6): 1053–1060.
- Verbrugghe A, Bakovic M (2013): Peculiarities of one-carbon metabolism in the strict carnivorous cat and the role in feline hepatic lipidosis. Nutrients 5(7): 2811–2835. doi: 10.3390/nu5072811
- Morris JG, Rogers QR (1978): Ammonia intoxication in the near-adult cat as a result of a dietary deficiency of arginine. Science 199(4327): 431–432.
Kohlenhydrate und Süßgeschmack
- Li X, Li W, Wang H et al. (2005): Pseudogenization of a sweet-receptor gene accounts for cats’ indifference toward sugar. PLoS Genetics 1(1): e3. doi: 10.1371/journal.pgen.0010003
Wasser und Trockenfutter
- Buckley CM, Hawthorne A, Colyer A, Stevenson AE (2011): Effect of dietary water intake on urinary output, specific gravity and relative supersaturation for calcium oxalate and struvite in the cat. British Journal of Nutrition 106 (Suppl 1): S128–S130.
Fasten und Leberverfettung
- Center SA (2005): Feline hepatic lipidosis. Veterinary Clinics of North America: Small Animal Practice 35(1): 225–269.
Eingeschränkte Entgiftung
- Court MH, Greenblatt DJ (2000): Molecular genetic basis for deficient acetaminophen glucuronidation by cats: UGT1A6 is a pseudogene, and evidence for reduced diversity of expressed hepatic UGT1A isoforms. Pharmacogenetics 10(4): 355–369.
- Boland LA, Angles JM (2010): Feline permethrin toxicity: retrospective study of 42 cases. Journal of Feline Medicine and Surgery 12(2): 61–71.
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