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Das Reifen-Problem
„Arthrose? Na ja, Verschleiß halt. Das Knie hat eben ein paar Kilometer drauf.“ Kennst du, oder? Vielleicht hast du den Satz sogar schon selbst gesagt. Über dein eigenes Knie, über die Hüfte deiner Mutter oder über deinen Hund, der morgens ein bisschen länger braucht, bis er in die Gänge kommt.
Das Bild dahinter ist simpel: Gelenke sind wie Autoreifen. Irgendwann ist das Profil runter, und dann ist das eben so. Einfach, eingängig – und leider ziemlich schief. Denn ein Reifen isst nichts, er entzündet sich nicht, er hat keine Muskeln drumherum und auch keine schlechten Tage. Dein Knie schon. Und das Knie deines Hundes auch.
Arthrose ist die häufigste Gelenkerkrankung überhaupt. Bei Menschen sowieso, aber auch bei unseren Tieren: Schätzungen gehen davon aus, dass etwa jeder fünfte erwachsene Hund betroffen ist. Und bei Katzen finden Studien bei einem Großteil der Senioren Veränderungen im Röntgenbild – nur dass Katzen das meistens mit einem eleganten Schulterzucken überspielen.
Höchste Zeit also, mal hinter das Reifen-Bild zu schauen. Spoiler: Da ist eine ganze Menge mehr los.

Knorpel: kein Gummipolster, sondern lebendiges Gewebe
Gelenkknorpel ist ein ziemlich erstaunliches Material. Glatter als Eis, belastbar wie ein Stoßdämpfer und dabei nur wenige Millimeter dick. Er besteht im Wesentlichen aus zwei Komponenten: einem Gerüst aus Kollagenfasern, das ihm Halt gibt, und dazwischen sogenannten Proteoglykanen. Die kannst du dir wie winzige Schwämme vorstellen, die Wasser binden und den Knorpel prall und federnd halten. Ihre wichtigsten Bausteine kennst du vielleicht schon: Glucosamin und Chondroitinsulfat.
Gepflegt wird das Ganze von Knorpelzellen, den Chondrozyten. Die sind sozusagen die Hausmeister: Sie bauen alte Bestandteile ab, neue auf und halten den Laden am Laufen. Und genau hier wird es spannend, denn Knorpel hat keine eigenen Blutgefäße. Kein Lieferwagen fährt bis vor die Tür.
Wie kommen die Hausmeister also an ihr Material? Über die Gelenkflüssigkeit – und über Bewegung. Bei jeder Belastung wird der Knorpel ein wenig zusammengedrückt, verbrauchte Flüssigkeit wird herausgepresst. Bei Entlastung saugt er sich wieder voll, mit frischen Nährstoffen. Wie ein Schwamm, den du in der Spüle ausdrückst und wieder eintauchst. Ohne Bewegung bleibt der Schwamm einfach liegen. Und ein Schwamm, der nie getaucht wird, wird irgendwann bröselig.
Kann Knorpel nachwachsen?
Die ehrliche Antwort: teils, teils. Und weil die Frage so oft gestellt wird, lohnt sich ein genauerer Blick.
Die gute Nachricht zuerst: Knorpel ist ständig im Umbau. Gerade die wasserbindenden „Schwämme“ werden laufend erneuert, und zwar in Zeiträumen von Wochen bis Monaten. Wer seinen Knorpel gut versorgt, gibt den Hausmeistern also täglich die Chance, ordentlich zu arbeiten.
Das Kollagengerüst dagegen ist ein echter Dickkopf. Forscher aus Kopenhagen haben 2016 mit einer cleveren Methode (sie nutzten Spuren aus den Atomwaffentests der 1950er- und 60er-Jahre als „Zeitstempel“) gezeigt, dass das Kollagen im Kniegelenk von Erwachsenen sich kaum noch erneuert. Eine Studie der Duke University fand 2019 wiederum, dass Knorpel durchaus eine gewisse Reparaturfähigkeit besitzt: am stärksten im Sprunggelenk, etwas weniger im Knie, am wenigsten in der Hüfte. Die Forscher verglichen das augenzwinkernd mit dem Salamander, der ganze Gliedmaßen nachwachsen lässt. Ganz so weit sind wir zwar nicht, aber ein kleiner Salamander steckt offenbar in uns.
Kleinere Schäden können sich also auffüllen, oft allerdings mit sogenanntem Faserknorpel, der etwas weniger elastisch ist als das Original. Was das für dich bedeutet: Knorpel ist kein Radiergummi, der nur immer weniger wird. Er ist ein lebendiges Gewebe, das sich zu großen Teilen erneuert, das gepflegt werden will und dessen Abbau du ganz wesentlich mit beeinflusst. Die Bausteine fürs Futter und die Bewegung fürs Pumpen gehören dabei zusammen wie Topf und Deckel.

Entzündung: der leise Mitspieler
In der Medizin verraten Endungen oft viel. „-itis“ steht für Entzündung, wie bei Arthritis. „-ose“ dagegen klingt nach Abnutzung, nach ruhigem, kaltem Verfall. Lange hat man Arthrose genau so verstanden: als rein mechanisches Problem ohne Entzündung.
Inzwischen weiß man es besser. Schon in frühen Stadien ist die Gelenkinnenhaut häufig gereizt und entzündet. Sie schüttet Botenstoffe aus, die wiederum Enzyme aktivieren, die den Knorpel abbauen. Eine Art Abrissbirne von innen. Und die abgelösten Knorpelteilchen schwimmen dann in der Gelenkflüssigkeit herum und reizen die Gelenkinnenhaut erneut. Ein Teufelskreis, der sich ganz gemütlich selbst am Laufen hält.
Nicht ohne Grund nennen viele Forscher Arthrose heute eine Erkrankung des ganzen Gelenks und nicht nur des Knorpels. Beteiligt sind auch der Knochen direkt unter dem Knorpel, die Gelenkkapsel, Bänder und Muskeln. Im Englischen spricht man übrigens längst von „Osteoarthritis“, also mit der Entzündung im Namen.
Das klingt erst mal nicht nach guter Nachricht. Ist es aber! Denn Entzündung ist etwas, das du beeinflussen kannst. Abnutzung allein wäre einfach Pech. Entzündung dagegen hängt an vielen Stellschrauben: Ernährung, Gewicht, Bewegung, Nährstoffversorgung. Und damit sind wir schon beim nächsten Kapitel.
Wenn der Bauch mit dem Knie redet
Dass Übergewicht die Gelenke belastet, ist keine Überraschung. Mehr Gewicht, mehr Druck aufs Knie. Logisch. Aber jetzt kommt der Haken an der Geschichte: Menschen mit Übergewicht haben auch häufiger Arthrose in den Fingergelenken. Und auf denen läuft bekanntlich niemand herum (außer vielleicht beim Handstand-Yoga).
Die Erklärung: Fettgewebe ist kein stiller Speicher, sondern ein ziemlich gesprächiges Organ. Es produziert eigene Botenstoffe, die sogenannten Adipokine, und einige davon heizen Entzündungen im ganzen Körper an – auch im Gelenk. Dazu kommt der Blutzucker: Dauerhaft erhöhte Werte fördern die Bildung von AGEs, also verzuckerten Eiweißverbindungen, die Gewebe steifer und spröder machen. Auch den Knorpel. (Mehr zu AGEs findest du in unserem Artikel „Frischfutter oder Trockenfutter – macht die Ernährung beim Altern einen Unterschied?“.)
Bei unseren Tieren ist das nicht anders. Ein paar Gramm zu viel auf den Rippen sehen beim Hund schnell „gut genährt“ aus, bei der Katze irgendwie gemütlich. Für die Gelenke sind sie trotzdem eine Dauerbaustelle. Die bekannte Labrador-Langzeitstudie hat gezeigt, dass schlanker gefütterte Hunde deutlich später Arthrose entwickelten als ihre gut gefütterten Geschwister.
Arthrose ist also auch eine Stoffwechselfrage. Und das bedeutet: Was im Napf und auf dem Teller landet, redet bei der Gelenkgesundheit kräftig mit.
Bewegung: Schmiermittel und Lieferdienst in einem

Wenn das Gelenk wehtut, ist der erste Impuls verständlich: schonen. Sofa, Decke, Körbchen. Kurzfristig kann das auch richtig sein. Auf Dauer aber erinnerst du dich an den Schwamm von vorhin: Ohne Druck und Entlastung kommen keine Nährstoffe in den Knorpel. Wird ein Gelenk längere Zeit ruhiggestellt, wird der Knorpel nachweislich dünner. Schonung kann also genau das beschleunigen, wovor sie schützen soll.
Dazu kommen die Muskeln. Sie sind die eigentlichen Stoßdämpfer, die das Gelenk führen und entlasten. Werden sie schwächer, landet mehr Last direkt auf dem Knorpel. Die Schonhaltung wird zur Schmerzspirale (bei unseren Senioren-Tieren haben wir darüber schon ausführlich geschrieben).
Und was ist mit dem Joggen? Das soll doch die Knie ruinieren? Interessanterweise zeigt eine große Auswertung vieler Studien: Freizeitläufer haben eher seltener Kniearthrose als Menschen, die sich kaum bewegen. Erst bei Leistungssportlern mit extremem Pensum steigt das Risiko wieder. Wie so oft macht die Dosis das Gift – oder eben die Medizin.
Für deinen Hund heißt das: lieber mehrmals am Tag gleichmäßig unterwegs sein als am Wochenende den großen Ballmarathon. Abruptes Abstoppen, Sprünge und wildes Hakenschlagen sind für Gelenke ungefähr so entspannend wie eine Vollbremsung für die Bremsbeläge. Gleichmäßiges Gehen, Schwimmen, sanft bergauf: Das lieben Knorpel. Und auch Katzen brauchen Bewegungsanreize, gerade Wohnungskatzen. Ein Kratzbaum mit flachen Stufen und ein paar Spieleinheiten täglich halten die Pumpe in Gang.
Schmerz: Das Röntgenbild erzählt nicht alles
Jetzt wird es fast ein bisschen kurios. Es gibt Menschen mit einem Röntgenbild zum Fürchten, die fröhlich wandern gehen. Und es gibt Menschen mit einem eher harmlosen Befund, die kaum die Treppe hochkommen. Wie passt das zusammen?
Die Antwort: Der Knorpel selbst hat gar keine Nerven. Er kann also nicht wehtun. Der Schmerz entsteht woanders, in der entzündeten Gelenkinnenhaut, in der Kapsel, im Knochen darunter und in verspannten Muskeln. Und er hängt stark davon ab, wie aktiv die Entzündung gerade ist. Darum gibt es bei Arthrose auch gute und schlechte Tage, obwohl sich am Knorpel über Nacht nichts verändert hat.
Dazu kommt das Schmerzgedächtnis. Wer lange Schmerzen hat, dessen Nervensystem wird empfindlicher. Reize, die früher harmlos waren, werden irgendwann als Schmerz gemeldet. Der Alarm schrillt dann schon, wenn nur jemand an der Tür klingelt.
Bei Tieren ist das besonders tückisch, denn sie zeigen Schmerz oft kaum. Dein Hund springt vielleicht nicht mehr so gern ins Auto, die Katze nimmt nicht mehr den direkten Weg aufs Fensterbrett, sondern den Umweg über den Stuhl. Das ist kein „Alter“ und keine Faulheit, sondern oft schlicht Schmerz. (Wie du die leisen Zeichen erkennst, liest du in unserer Serie „Wenn Vierbeiner leiden, ohne dass wir es merken“.)
Die gute Nachricht: Weil Schmerz so eng mit Entzündung zusammenhängt, kann er auch deutlich besser werden, ohne dass der Knorpel auf dem Röntgenbild plötzlich wie neu aussieht.
Was du tun kannst – für dich und dein Tier

Wenn Arthrose mehr ist als Verschleiß, dann gibt es auch mehr Hebel als nur „abwarten und Tabletten nehmen“. Die wichtigsten auf einen Blick:
- Bewegung in der richtigen Dosis: täglich, gleichmäßig, ohne Extreme. Lieber dreimal kurz als einmal bis zur Erschöpfung.
- Muskeln stärken: Für Menschen gezielte Übungen, für Tiere Physiotherapie, Unterwasserlaufband oder Osteopathie, wenn das Gangbild auffällig wird.
- Gewicht im Blick behalten: Jedes Kilo weniger entlastet das Gelenk und dämpft die Entzündungsbotenstoffe aus dem Fettgewebe. Beim Hund solltest du die Rippen gut fühlen können.
- Entzündungsarm essen und füttern: wenig Zucker und Weißmehl auf deinem Teller, für Hund und Katze frisch gekochtes oder gebarftes Futter statt stark verarbeiteter Fertigware. Omega-3-Fettsäuren unterstützen die körpereigene Entzündungsregulation.

- Den Knorpel mit Bausteinen versorgen: Glucosamin und Chondroitinsulfat liefern genau das Material, aus dem die wasserbindenden „Schwämme“ im Knorpel bestehen. MSM, also organischer Schwefel, ist wichtig für den Aufbau von Bindegewebe und kann Entzündungsprozesse dämpfen. Siliziumkolloid unterstützt den Aufbau von Knorpel, Sehnen und Bändern.
- Entzündung und Schmerz direkt beruhigen: PEA (Palmitoylethanolamid) ist ein Stoff, den dein Körper selbst bildet, sobald Gewebe gereizt ist – so etwas wie die eingebaute Feuerwehr. Bei Arthrose kommt diese Feuerwehr oft nicht mehr hinterher. Als Ergänzung wirkt PEA stark entzündungshemmend und schmerzlindernd, beruhigt überaktive Immunzellen im Gewebe und schützt die Zellen. Gut kombinieren lässt es sich mit C60 (Fulleren), einem winzigen fußballförmigen Kohlenstoffmolekül. In Laborstudien fängt es freie Radikale ein wie ein Schwamm – und genau die sind bei jeder Entzündung reichlich im Spiel. Beides eignet sich für Mensch und Tier.
- Wärme gönnen: Viele Arthrose-Gelenke mögen es warm. Eine weiche, warme Liegestelle ist für Hund und Katze Gold wert.
Das Wichtigste dabei: Nährstoffe und Bewegung gehören zusammen. Die besten Bausteine bringen wenig, wenn sie nie im Knorpel ankommen. Und die schönste Bewegung pumpt ins Leere, wenn das Material fehlt.
Wenn du tiefer einsteigen willst: Welche natürlichen Wege es bei Gelenkschmerzen gibt, liest du ausführlich in „Endlich schmerzfrei – auf natürliche Art“. Und wie du bei jungen Tieren von Anfang an vorbeugst, erfährst du in „Gelenke fürs Leben“.
Wusstest du schon?
Du bist morgens ein bis zwei Zentimeter größer als abends. Der Grund: Deine Bandscheiben funktionieren ähnlich wie Gelenkknorpel. Tagsüber werden sie zusammengedrückt und verlieren Flüssigkeit, nachts saugen sie sich wieder voll. Der Schwamm-Effekt live und in Farbe. Wenn du also das nächste Mal deine Größe angeben musst: Miss dich morgens.
Fazit: Verschleiß ist ein Kapitel, nicht das ganze Buch
Arthrose ist kein abgefahrener Reifen, den man nur noch austauschen kann. Sie ist das Ergebnis vieler Faktoren: Entzündung, Stoffwechsel, Muskelkraft, Nährstoffversorgung, Bewegung und ja, auch ein bisschen Mechanik. Das Schöne daran: Bei fast allen davon hast du ein Wort mitzureden.
Dein Knorpel lebt. Der deines Hundes, deiner Katze und deines Pferdes auch. Er will versorgt und bewegt werden, und er dankt es dir mit mehr guten Tagen. Also: raus mit euch. Ruhig, gleichmäßig und mit vollem Napf an Bausteinen. Der Salamander in euch freut sich.
Quellen
- Heinemeier KM et al. (2016): Radiocarbon dating reveals minimal collagen turnover in both healthy and osteoarthritic human cartilage. Science Translational Medicine 8(346). Zur Studie
- Hsueh MF et al. (2019): Analysis of „old“ proteins unmasks dynamic gradient of cartilage turnover in human limbs. Science Advances 5(10). Zur Studie
- Loeser RF et al. (2012): Osteoarthritis: A disease of the joint as an organ. Arthritis & Rheumatism 64(6). Zur Studie
- Yusuf E et al. (2010): Association between weight or body mass index and hand osteoarthritis: a systematic review. Annals of the Rheumatic Diseases 69(4). Zur Studie
- Smith GK et al. (2006): Lifelong diet restriction and radiographic evidence of osteoarthritis of the hip joint in dogs. Journal of the American Veterinary Medical Association 229(5). Zur Studie
- Vanwanseele B et al. (2002): Knee cartilage of spinal cord-injured patients displays progressive thinning in the absence of normal joint loading and movement. Arthritis & Rheumatism 46(8). Zur Studie
- Alentorn-Geli E et al. (2017): The association of recreational and competitive running with hip and knee osteoarthritis: a systematic review and meta-analysis. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy 47(6). Zur Studie
- Bedson J, Croft PR (2008): The discordance between clinical and radiographic knee osteoarthritis: a systematic search and summary of the literature. BMC Musculoskeletal Disorders 9:116. Zur Studie
- Hardie EM et al. (2002): Radiographic evidence of degenerative joint disease in geriatric cats: 100 cases. Journal of the American Veterinary Medical Association 220(5). Zur Studie
- Steels E et al. (2019): A double-blind randomized placebo controlled study assessing safety, tolerability and efficacy of palmitoylethanolamide for symptoms of knee osteoarthritis. Inflammopharmacology 27(3). Zur Studie
- Gharbi N et al. (2005): [60]Fullerene is a powerful antioxidant in vivo with no acute or subacute toxicity. Nano Letters 5(12). Zur Studie
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